JakobKaiser
Jakob Kaiser
Ein Portrait von Jan Hendrik Winter
"Wie Jakob Kaiser können nur wenige als Symbolfigur
deutscher National- und Sozialgeschichte unseres Jahrhunderts gelten".
Dieses Ausstellungszitat ist bezeichnend. Der am 08. 02.1888 in
Hammelburg geborene und am 07.05.1961 in Berlin gestorbene Franke
Kaiser verbindet mit seiner
facettenreichen Vita insgesamt vier wesentliche Epochen der deutschen
Geschichte und wichtige historische
Prägekräfte.
Charakteristisch für Kaisers
Bestreben war die Folge seiner Einstellungen: deutsch, christlich,
demokratisch, sozial. Als Gewerkschafter, Widerstandskämpfer
und Patriot.
Themen- und zeitbezogene Zitate
Kaisers sind in diesen Text eingeflochten, sie sollen dazu
beitragen,
Kaisers Überzeugungen zu verdeutlichen.
Elternhaus, Jugend und frühes
gewerkschaftliches Engagement
Er wuchs mit neun weiteren Geschwistern in schlichten, aber
von einer durchdringenden Katholizität geprägten
familiären Umwelt im Kaiserreich auf.
Nach dem Abschluß der siebenjährigen Volksschule
1901 trat
der junge Jakob Kaiser bei seinem Vater in die Buchbinderlehre ein und
konnte darüber hinaus dessen Anstrengungen verfolgen, zusammen
mit dem Stadtgeistlichen Aegidius Martin, die Prinzipien der
katholischen Soziallehre in Form verschiedener
Genossenschaftsgründungen für die verarmten und
wettbwerbsschwachen Winzer und Bauern zu praktizieren.
Sein Vater stieg später zum Stadtkämmerer auf,
der Sohn wechselte auf die Buchbinderfachschule nach Schwiebus und trat
in den Gesellenverein Adolf Kolpings ein.
Vor dem Hintergrund seiner
Erfahrungen mit den Sorgen und Problemen des Industrieproletariats in
der fränkischen Metropole Nürnberg knüpfte
er Kontakte zum Katholischen Gesellenverein. Dieser bot ihm die
Möglichkeit, sich weiterzubilden, die schulischen Defizite der
vorzeitig abgebrochenen Gymnasiallaufbahn wettzumachen und als
Vorstandsmitglied zu agieren.
Sein gewerkschaftliches Engagement, das
folgte, war bisweilen eine Konsequenz aus seinen wachen Beobachtungen
der Lage der Arbeiterschaft, die im ausgehenden Reich Wilhelms II.
immer noch widrige materielle (und politische) Verhältnisse zu
bewältigen hatte : die volkswirtschaftlichen Kurse des
Volksvereins für das Katholische Deutschland in
Mönchengladbach bildeten sodann für Kaiser wie
"für andere Arbeiterführer auch" (Kosthorst) die
Initialzündung für seine Tätigkeit als
Kartellsekretär der christlichen Gewerkschaften in
Köln ab 1912.
In Abgrenzung zu den parallel bestehenden
freien, sozialistisch/sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften
votierte die christliche Variante gegen die einseitige
Klassenkampfideologie und eignete sich das Credo der konstruktiven
Kooperation statt polarisisierenden Konfrontation an, die eine
leistungs- und familiengerechte Bezahlung der Lohnempfänger
und einen Schutz des Wettbewerbsprinzips implizierte.
Während des ersten Weltkrieges wurde Kaiser sowohl an der
West- wie Ostfront
eingesetzt und schwer verwundet. Mit hohen Auszeichnungen versehen,
konnte er im Februar 1918 der Schlacht den Rücken kehren und
im darauffolgenden Monat die Leitung der Jugendsektion der christlichen
Gewerkschaften übernehmen.
"Denn was bedeutet der Kampf um Lohn,
der Kampf um den Schutz auf der Arbeitsstätte, der Kampf um
den Achtstundetag, der Kampf um den Schutz des kranken, invaliden oder
arbeitslosen Kollegen anders, als daß ihm das Recht des
Lebens werde.
Das Recht und die Möglichkeit, sein Leben so zu
führen, wie es menschenwürdig ist.
Was anders
bedeutet dieser Kampf, als daß auch der Arbeiter die
Möglichkeit findet, seinen Geist zu bilden, seine Seele zu
formen !"
Vom "Monarchisten zum Republikaner"
Den Eintritt in eine weitere Geschichts- und Wirkungsepoche,
in der sich insbesondere das Scheitern der ersten Demokratie auf
deutschem Boden verorten läßt, markiert Kaisers
Tätigkeit im Arbeiter- und Soldatenrat der Stadt Köln
im Anschluß an die Novemberrevolution.
Ferner manifestierte
sich sein Gesinnungswandel vom "Monarchisten zum Republikaner" (Tilman
Mayer) in der Forderung nach einer Zusammenführung der
Arbeiterorganisationen auf dem Boden einer
verfassungsbegründeten Ordnung, wie sie ihren Ausdruck in der
Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1919 fand und
seines Widerstandes gegen grassierende Separationsbestrebungen im
vielen (Rand-) Territorien des Deutschen Reiches.
Überdies
verfochte er, gemeinsam mit dem damaligen Gewerk-schaftsführer
Adam Stegerwald, die Formel einer neuzubildenden interkonfessionellen,
nationalen und sozialen Volkspartei als Contrapunkt zur
materialistischen SPD und Stabilisierungsfaktor einer Politik der Mitte
in der angebrochenen Weimarer Republik.
Wenn auch die junge Demokratie
infolge eines vielschichtigen Ursachenbündels von der
nationalsozialistischen Diktatur abgelöst worden ist, so
besaßen diese Integrationsvorstellun-gen doch in zweierlei
Hinsicht Zukunftskraft: zum einen bildeten sie die programmatische
Bandbreite des zivilen Widerstands gegen das Hitlerregime ab und zum
anderen fungierten sie als wichtige ideelle Wegbereiter der
späterhin entstandenen christlich-demokratischen Union.
Von
1919 bis 1924 bestimmte er im Generalsekretariat des Gesamtverbandes
der Christlichen Gewerkschaften in Köln bzw. seit 1921 in
Berlin als Geschäftsführer die Geschicke der
Organisation mit und trat ebenfalls den stellvertretenden Vorsitz der
rheinischen Zentrumspartei im Jahre 1921 bis zu seiner Suspendierung
durch die Nazis 1933 an.
1924 nach Köln als
Landesgeschäftsführer der Christlichen Gewerkschaften
für Westdeutschland zurückgekehrt.
In einer
Gemengelage, in der die berufsständischen und nationalen
Akzente der christlichen Gewerkschaften und des Zentrums (als Heimat
des politischen Katholizismus) dem Klassenansatz und der
internationalistischen Ausrichtung der freien Gewerkschaften bzw. der
SPD gegenüberstanden, sprach sich Kaiser mehrmals für
einen unideologischen und von dem Gedanken des Ausgleiches, des
Brückenbauens getragenen politischen Wettbewerb aus.
In diesem
Zusammenhang nahm er u.a. auch in seiner Zentrumspartei eine
Mittlerstellung zwischen dem (linken) Arbeitnehmer- und einer
rechtsstehenden Minderheit innerhalb der Christlichen Gewerkschaften
ein.
Einheitsgewerkschaft und Widerstand
Im Zuge der endgültigen Ablösung der
"Weimarer Koalition", der Bildung von Präsidialkabinetten und
der zunehmenden Stimmengewinne der extremen politischen Kräfte
sprach sich Kaiser wie zahlreiche andere Exponenten des
bürgerlichen Spektrums für die scheinbar unabwendbare
Notwendigkeit des Einbindens des Strasserflügels der NSDAP in
die parlamentarische, vor allem aber demokratisch-soziale Gestaltung
der Republik aus, deren Grundprinzipien angesichts diktatorischer
Tendenzen bewahrt werden mußten.
Die Sprengkraft des
vorherrschenden "Weltanschauungs-, Klassen-, Standes- und vor allem
Parteienegoismus, kombiniert mit Verfassungsstrukturproblemen" (Mayer)
und einer gravierenden sozialen Verelendung verurteilte indes jedwede
Kanalisierungsstrategie von vornherein zum Scheitern.
Kaiser intensivierte daraufhin mit Blick auf die Vereinnahmungs- und
Gleichschaltungstaktik der am 30. Januar 1933 an die Macht gelangten
Nationalsozialisten im Verein mit führenden Männern
der Richtungsgewerkschaften sein Bemühen, eine
Einheitsgewerkschaft zu formieren, die auf Unabhängigkeit
gegenüber dem Staat bedacht war.
Dieser organisationspolitisch
bedeutsame Schritt, der auch in ein Gründungskonzept
einfloß und Vorbildcharakter für die Zeit nach 1945
entfaltete, gelangte jedoch nicht mehr zur Realisierung; die
Arbeiterorganisation der Nationalsozialisten, die Deutsche Arbeitsfront
erstickte sämtliche Ambitionen, so daß sich Kaiser
konsequenterweise der Unterzeichnung der Unterwerfungs- und
Eingliederungserklärung der christlichen Gewerkschaften
verweigerte.
"Ich unterschreibe keine
Kapitulation"
(Kaiser
gegenüber dem DAF-Führer Robert Ley, 1933).
Die Nazis
enthoben ihn daraufhin seiner Funktion als
Landesgeschäftsführer und drohten ihm die Inhaftnahme
an.
Wilhelm Leuschner als wichtiger Repräsentant der
vormaligen freien/sozialistischen Gewerkschaften, Max Habermann
(Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband) u.v.a. Vertreter der
Arbeiterbewegung sowie konservativer und liberaler Kreise nutzten in
der Folge die Wohnung Kaisers in der Wittelsbacher Strasse in Berlin
als Anlaufpunkt, um das Fundament für ein nachdiktatorische
Staats- und Gesellschaftsordnung zu legen, den aktiven Widerstand zu
planen und eine breite, partiell auch widersprüchliche
weltanschauliche Allianz zu bilden.
Kaiser, der im Gegensatz zu anderen
Weimarer Republikanern nicht den Weg der Emigration oder der
Passivität einschlug, gehörte somit zum Kernzirkel
des (aktiven) zivilen Widerstands gegen das Hitler-Regime und konnte im
Rahmen seiner Tätigkeit als "Bevollmächtigter der
ehemaligen Angestellten der früheren christlichen
Gewerkschafter" nicht nur für deren Sozialansprüche
streiten und u.a. auf ein entsprechendes Entschädigungsgesetz
hinwirken, sondern auch mit Hilfe von Reisen durch das Reichsgebiet und
Österreich ein Kontaktnetz mit seinen früheren
Kollegen aufbauen und pflegen.
Trotz seiner Verhaftung im Jahre 1938,
die mit einer frühzeitigen Freilassung "aus Mangel an
Geständnissen" endete, setzte Kaiser und der
anhängende Kreis von Gewerkschaftern unter permanenter
Lebensgefahr die oppositionelle Arbeit fort, indem nunmehr Verbindungen
zu Carl Goerdeler, der als ehemaliger Leipziger
Oberbürgermeister und prononcierter konservativer Vertreter
eine überaus aktive Rolle im zivilen Widerstand spielte, und
dem militärischen Arm des Widerstands, konkret zum Kreisauer
Kreis bzw. der Gruppe um Graf von Stauffenberg knüpfte, da
Kaiser, Leuschner, Habermann und Wirmer davon ausgingen, daß
nur eine Wehrmachtsverschwörung und nicht eine weitgehend
saturierte Arbeiterschaft den Tyrannensturz herbeiführen
könnte.
Insbesondere zu Generaloberst von Hammerstein
entwickelte sich seit 1936 ein "enges freundschaftliches
Verhältnis, während die Beziehung zu dem
intellektuell und zögernd wirkenden Generaloberst Ludwig Beck
distanziert blieb" (Hacke).
Permanent setzte er sein Leben für die Sache eines zu
schaffenden freiheitlichen und demokratischen Deutschlands aus.
In der
Überwindung von Marxismus und Liberalismus auf dem Wege der
Gründung einer geeinten nationalen Gewerkschaftsbewegung und
einer breiten Arbeiterpartei nach dem Muster der englischen
Labour-Party erkannte der ehemalige Zentrumspolitiker ein
tragfähiges Zukunftskonzept und unterstrich die Notwendigkeit
einer über weltanschauliche Grenzen und unterschiedliche
Staatsverständnisse hinaus reichende Zusammenarbeit des
facettenreichen Widerstands gegen das NS-Unterdrückungssystem.
Dem kompromißlosen Einsatz Kaisers für
demokratische, soziale und im Kern antitotalitäre Prinzipien
gebührt Achtung und vor allem Erinnerung. Der 20. Juli als
"Aufstand des Gewissens" mit seinen vielschichtigen Folgen war, ist und
bleibt nicht nur eine Episode des vielerseits als schwach eingestuften
deutschen Widerstands, sondern eine Zäsur, ein Fanal des sich
späterhin herauskristallisierenden und die Bundesrepublik
stabilisierenden antidiktatorischen bzw. antitotalitären
Grundkonsensus.
"Es gibt keine linke
und keine rechte Diktatur, es gibt nur eine Diktatur. Wir sagen jeder
Form von Totalität Feindschaft an. Parteiabsolutismus einer
einzigen Partei führt immer zum Führerabsolutismus."
"Dritter Weg"
Nach der Befreiung Deutschlands, der Ablösung des
Hitler-Terrorregimes und der folgenden Besatzung durch die drei bzw.
vier Siegermächte konnte Jakob Kaiser, der als einer der
wenigen Initiatoren des 20. Juli 1944 die Strafmaßnahmen des
sich nochmals aufbäumenden Hitlerstaates überlebt
hatte und von den in Berlin einrückenden Sowjets in seinem
Babelsberger Versteck befreit wurde, zur Tat schreiten und einen
entscheidenden Beitrag zur Schaffung einer konfessionell, sozial und
national unierten Volkspartei leisten.
Im Juli 1945 etablierte sich die
Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDUD) in Berlin - die Idee
einer nichtmarxistischen Arbeiterpartei hatte sich mit der
Wiedergründung der SPD und der Berufung auf ihre marxistischen
Traditionsbestände überlebt.
"Wir leiden immer
noch an den verhängnisvollen Verhärtungen politischer
Auffassungen. Für einen bestimmten Teil unseres Volkes sind
sozialistische Auffassungen geradezu noch mit einem gesellschaftlichen
oder gar moralischen Makel behaftet.
Während ein anderer Teil
unseres Volkes schon als Reaktion beschimpft, was im Grunde in ganz
gesundem Maße konservativ oder liberal ist."
Die notwendige breite schichten- und klassen, konfessionen-
und berufsübergreifende Integrationskraft der neugebildeten
Union, ihre auf den Prinzipien der nationalen Einheit und der Ablehnung
der braunen wie roten Diktatur und eines ungehemmten Kapitalismus
basierender Kurs wurde seit dem Dezember 1945 in der SBZ (=Sowjet.
Besetzte Zone) durch ihre Exponenten Kaiser und Lemmer innerhalb des
von den Sowjets aufoktroyierten antifaschischtischen Blocks getragen.
Der Grundansatz Kaisers, "Brücke sein zu wollen zwischen Ost
und West" (13.02.1946), sollte es nicht zulassen, daß es zu
einer Entfremdung und sukzessiven Trennung der unterschiedlich
besetzten Teile Deutschland käme.
Im Interesse der Einheit des
Vaterlandes und der Wiederbelebung eines demokratischen Deutschlands in
den Grenzen von 1937, war es das zentrale Anliegen Kaisers, keine
einseitigen Bündnisse einzugehen und eine friedlich bestimmte
Vermittlerrolle im Konzert der Mächte zu übernehmen.
Dieser positivistischen Haltung wurde jedoch spätestens mit
dem demonstrativen Austritt der Sowjets aus der gemeinsam Verwaltung
des ehemaligen Deutschen Reiches die Geschäftsgrundlage
entzogen.
Sie kann als Beleg für eine au sowjetrussischer
Seite forcierte Politik der ideologisch und machtpolitisch motivierten
Strategie der Abschirmung und Stabilisierung der
Einflußphären in Mittel- und Osteuropa gelten.
Des
weiteren hatte sich auch in der CDU zunehmend ein Kurs durchgesetzt,
der im Sinne des damaligen Fraktionsführers der Partei im
nordrhein-westfälischen Landtages und späteren
Bundeskanzlers,
Konrad Adenauer, eine klare Westorientierung vor dem Hintergrund der
sich abzeichnenden Blockkonfrontation formulierte und diesen einer
chancen- aber auch risikoreichen Mittlerstellung vorzog.
Die sozialistischen Anklänge in der Rhetorik Kaisers
entsprachen dem Geist der Zeit: mit der Überwindung des
unseligen Hitler-Regimes und des Scheiterns der bürgerlichen
Republik erschien der Dritte Weg als Kompromiß zwischen
Kollektivismus und Individualismus, zwischen Kapitalismus und
Zwangswirtschaft, fernab einer doktrinären Verfestigung.
Die Volkspartei CDU als Repräsentant breiter und eben nicht
nur
bürgerlicher Bevölkerungskreise hatte im Sinne
Kaisers und des gewerkschaftlichen Flügels gleichsam
für eine freie Marktordnung mit
einflußkräftigen staatlichen Interventions- und
Steuerrungselementen Sorge zu tragen.
Unzählige Repressalien
der sowjetischen und SED-Machthaber machten ein Wirken Kaisers, der die
Union u.a. in seiner Parteitagsrede im Herbst 1947 als "Wellenbrecher
des dogmatischen Marxismus" positioniert hatte, in einem wachsenden
Maße unmöglich.
Kaiser zog im Dezember 1947 die
Konsequenzen aus seiner Absetzung als Parteivorsitzender durch die
Sowjetische Militäradministration und verließ die
SBZ, um in einem rechtstaatlichen und demokratischen Rahmen seine
Arbeit von den westlichen Besatzungszonen aus fortsetzen zu
können. Seit dem Jahre 1948 avancierte Kaiser mehr und mehr zu
dem entscheidenden Protagonisten des Arbeitnehmerflügels bzw.
der gewerkschaftlich Organisierten innerhalb der Union, die sich schon
in Gestalt des Ahlener Programms (1947) für einen
"christlichen Sozialismus" ausgesprochen hatten.
Ab Mai 1949
führte er als Vorsitzender die Sozialausschüsse der
Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft und nutzte diese Funktion,
um zum einen das von dem späteren Wirtschaftsminister und
damaligen Direktor der bi-/trizonaen Wirtschafts-verwaltung, Ludwig
Erhard, politisch umgesetzte Ordnungsprogramm einer Sozialen
Marktwirtschaft mit weitreichenden sozialpolitischen
Maßnahmen (Mitbestimmung, 40-Stunden-Woche,
Kartellgesetzgebung, Ausbau des Sozialversicherungswesens etc.) zu
flankieren.
"Wenn mir heute
Kreise der Rechten das Wort `Einheitsgewerkschaftler´ als
verächtliches Wahlschimpfwort anhängen wollen, so
frage ich sie und Euch: Warum tun sie das? Sie tun es, weil ihnen
Restauration und Reaktion in den Knochen sitzen. Sie beschimpfen die
Einheitsgewerkschaften. Aber treffen wollen sie die Arbeiterschaft."
Gewerkschafter und Politiker in der
jungen Bundesrepublik
Zum anderen wirkte er an jener Stelle für den Ende
1949 vollzogenen Zusammenschluß der einzelnen
Industriegewerkschaften zur Einheitsgewerkschaft, konkret den Deutschen
Gewerkschaftsbund mit. Damit war ein großer Schritt
hinsichtlich der Abwendung einer weltanschaulich begründeten
Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung und der konstruktiven
Mitarbeit derselben in der bundesdeutschen Gesellschaft getan worden.
Dem ersten Kabinett Adenauer gehörte der überaus
populäre Sozial- und Deutschlandpolitiker, nachdem er in
seinem Wahlkreis Essen, den er 1933 für eine kurze Zeit bis
zur Liquidierung des Parlamentarismus im Reichstag zu Berlin schon
vertreten hatte, in den Bundestag gewählt worden war, als
Minister für Gesamtdeutsche Fragen an. Die Maxime seines
politischen Handelns wird auch in dieser Funktion mittels eines
Redeausschnittes erkennbar:
"Es gibt nur eine entscheidende
Hilfe für die Zone und ihre Flüchtlinge.
Das ist die
Wiedervereinigung unseres Landes. (...) Sie bleibt aber auch die
Vorbedingung für die Gesundung und Befriedung Europas."
Der auf dem Gründungsparteitag der Bundes-CDU zu
ihrem stellvertretenden Vorsitzenden gewählte Kaiser ging mit
der Analyse und grundsätzlichen Strategie Adenauers konform,
die sich einem entschiedenen Antikommunismus, einer
militärischen und wirtschaftlichen Stabilisierung der
Bundesrepublik sowie ihrer Aufwertung im westlichen Lager und der
Erreichung der staatlichen Souveränität verschrieben
hatte.
Gegensätze zwischen dem fest auf dem westlichen
Wertefundament siedelnden und die europäische Integration
fortgestaltenden Adenauer und Kaiser ergaben sich insbesondere im
Hinblick auf die Wiedervereinigungspolitik: Kaiser
äußerte sich den verschiedenen Offerten der
Sowjetregierung, der DDR, aber auch den Plänen der
bundesdeutschen Opposition gegenüber
kompromißbereiter und offener und erwog die Prüfung
im einzelnen, wogegen der Kanzler z.B. in den Stalin-Noten des Jahres
1952 berechtigterweise Indizien für eine Desavouierungstaktik
der Sowjetrussen erkannte und sie im Verein mit den westlichen
Alliierten grundweg ablehnte.
Diese Weichenstellungen bleiben auch in historischer
Perspektive, in anbetracht der unlängst
veröffentlichten Archivmaterialien nicht nur auf spekulativer
Ebene ohne Alternative.
Ein auch von alliierter Seite aus
eingeschränkter deutschlandpolitischer Handlungsspielraum
ließ keine Quantensprünge zu.
Die Ziel- und
Wertetrias Freiheit, Frieden, Einheit charakterisierte in ihrer
Zusammenführung und ihrem Gleichklang die Anstrengungen der
Bundesregierung.
Indes füllte Kaiser sein Ministeramt mit
Unnachgiebigkeit und Courage aus. Ansprachen, Reden, Publikationen,
sein Wirken im Kuratorium "Unteilbares Deutschland", Auftritte in der
schmerzlich geteilten Stadt Berlin machten seinerseits die deutsche und
internationale Öffentlichkeit und die zuständigen
Stellen auf die klaffende Wunde der deutschen Teilung aufmerksam.
"Die Bundesrepublik
hat sich in jedem Augenblick bewußt zu sein, daß
sie mit ihren 50 Millionen ein Provisorium ist, d.h. sie hat sich
bewußt zu sein, daß sie erst wieder ein vollendetes
Staatswesen ist, wenn eine gesamtdeutsche Regierung für alle
70 Millionen die Verantwortung zu tragen in der Lage ist. Dabei wird
sich die Politik der Bundesrepublik immer wieder an dem
gefährdesten Teil unseres Volkes orientieren."
Der Kalte Krieg hatte Fakten geschaffen.
Doch Kaiser war an
keinem Tage bereit, sich mit dem status quo abzufinden.Im Gegenteil.
Er entfaltete formelle und informelle Kontakte nach Osten und Westen,
unterstützte demokratische Kräfte sowohl in der SBZ
als auch prodeutsche Interessenvertreter in dem seit 1945 von
Deutschland abgelösten und von einer frankophilen Regierung
verwalteten Saargebiet.
Auch hier entpuppte sich Minister als
unbequemer Mahner und sein Engagement wurde mit der Ablehnung des von
Adenauer favorisierten Saarstatutes durch eine
überwältigende Majorität der
Saarländer von Erfolg gekrönt.
Der Primat des
Nationalen, der sog. "Kleinen Wiedervereinigung" (01.01.1957) hatte
sich gegenüber dem langfristig angelegten und
visionären Konzept der Europäisierung durchgesetzt.
Ein schwere Erkrankung führte 1957 dazu, daß Jakob
Kaiser
aus der aktiven Politik ausscheiden und die verschiedenen
Ämter in Partei und Regierung zur Verfügung stellen
mußte.
Er verstarb am 7. Mai 1961 in Berlin, also in der
Stadt, die in konzentrierter Form die Anormalität der
deutschen Zweistaatlichkeit widerspiegelte und für Kaiser ein
Ort des demokratischen, sozialen, christlichen und nationalen Einsatzes
gewesen war.
Ausblick: Bausteine für das "Haus Europa"
Jakob Kaiser, dessen Name nunmehr eines der
Abgeordnetenblöcke in der alten und neuen Hauptstadt
schmückt, verdient nicht nur die rückblickende
Würdigung seiner Leistungen.
Die zwischengefügten
Zitate illustrieren, inwiefern seine Auffassungen von
"Prinzipienfestigkeit" (Mayer), von Zeitgebundenheit aber auch von
Idealismus geprägt waren. Sein Brückendenken, das
nicht mit reiner Bündnislosigkeit und Schaukelpolitik
gleichzusetzen ist, erfährt ebenfalls in unseren Tagen eine
Renaissance.
Die erfolgreich von Konrad Adenauer und Helmut Kohl
insbesondere durch ihren persönlichen Einsatz fortentwickelte
deutsch-französische Achse, die fundierte
deutsch-amerikanische Partnerschaft und ein konstruktives Mitwirken in
zahlreichen Bündnissen wird nun durch einen
Brückenschlag nach Ost- und Mitteleuropa komplettiert.
Polen,
Ungarn, Tschechien, die baltischen Staaten etc. - partnerschaftliche
Relationen zu diesen Ländern sind weitere Bausteine im "Haus
Europa".
Kaiser Wirken und Werden ist, um den Bogen zu den einleitenden
Bemerkungen zu schlagen, im Zeitlauf ein Spiegel deutscher Geschichte
im positiven Sinne: als Gewerkschafter, Sozialpolitiker,
Widerstandskämpfer, Brückenbauer zwischen Ost und
West, Mitbegründer der CDU und Deutschlandpolitiker hat Kaiser
moralisch-politische Maßstäbe gesetzt, die auch in
der heutigen Zeit nichts an ihrer Erkenntnisschärfe, Urteils-
und Wirkkraft verloren haben. Zu schließen ist mit einem
Zitat, das auch stellvertretend für die demokratische
Bildungsarbeit in seinem Sinne herangezogen werden kann:
"Politik ist unser
Schicksal. Und niemand kann ihm ausweichen. Niemand kann sich in die
Atmosphäre privater Bürgerlichkeit
zurückziehen. Eine Haltung, die in einer Zeit lebenswichtiger
Entscheidungen über Gestalt und Form unserer neuen politischen
Ordnung politische Abstinenz übt, die sich der
Bewährung im politischen Leben entzieht, die aber in jedem
Augenblick die Wohltaten künftiger politischer Regelungen
entgegenzunehmen bereit ist, wäre verächtlich zu
nennen."
Literaturhinweise des Autors
CONZE, Werner: Jakob Kaiser. Politiker zwischen Ost und West
1945-1949, Stuttgart u.a. 1969
HACKE, Christian (Hrsg.): Jakob Kaiser. Wir haben
Brücke zu sein. Reden, Äußerungen und
Aufsätze zur Deutschlandpolitik, Köln 1988
KOSTHORST, Erich: Jakob Kaiser. Der Arbeiterführer,
Stuttgart u.a. 1967 - Ders.: Jakob Kaiser. Bundesminister für
gesamtdeutsche Fragen 1949-1957, Stuttgart u.a. 1972
MAYER, Tilman (Hrsg.): Jakob Kaiser. Gewerkschafter und
Patriot. Eine Werkauswahl, Köln 1988
NEBGEN, Elfriede: Jakob Kaiser. Der
Widerstandskämpfer, Stuttgart u.a. 1967
Weitere Literaturhinweise
BECKER, Josef: Jakob Kaiser. In: Persönlichkeit und
Politik in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 1. Hrsg. v. Walter L.
Bernecker / Volker Dotterwelch. Göttingen 1982.
HACKE, Christian (Hrsg.): Jakob Kaiser. Wir haben
Brücke zu sein. Reden, Äußerungen und
Aufsätze zur Deutschlandpolitik. Verlag Wissenschaft und
Politik Berend von Nottbeck, Köln 1988
MAYER, Tilman (Hrsg.): Jakob Kaiser. Gewerkschafter und
Patriot. Eine Werkauswahl. Bund-Verlag, Köln 1988
RICHTER, Michael: Die Ost-CDU 1948 bis 1952 - Zwischen
Widerstand und Gleichschaltung. Droste-Verlag. Düsseldorf, 1990
SALZMANN, Rainer: Jakob Kaiser. In: Die Gründung der
Union. Traditionen, Entstehung und Repräsentanten. Hrsg. v.
Günter Buchstab / Klaus Gotto. München 1981
Zeitschriftenartikel
GILLESSEN, Günther: Sozialistische Versuchung. Im
Februar 1947 wurde das Ahlener Programm verabschiedet. Eine Episode.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 1. 2. 1997.
SCHLOMANN, Friedrich-Wilhelm: Marxismus mit christlichem
Vokabular. Wie die Ost-CDU in den Parteienblock gezwungen wurde -
intensive Befragung von Zeitzeugen. Rezension. In: Bonner
Generalanzeiger vom 7. 2. 1991.
SCHROEDER, Wolfgang: Einheitsgewerkschaft und
Sozialkatholizismus. Zur Enttradi-tionalisierung der politischen Kultur
in den fünfziger Jahren. In: Aus Politik und Zeitgeschichte.
Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B45/92. 30. Oktober 1992